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CD Rezension (Deutsche Übersetzung)
Bachs Arie mit dreißig Variationen (Goldberg)
April 2010
http://www.nyconcertreview.com/reviews/sebestyan-nyiro.html
Diese ungewöhnliche und schließlich unwiderstehliche neue Aufnahme von Bachs transzendentale (übernatürliche) Arie mit verschiedenen Veränderungen macht uns mit noch einem herausragenden ungarischen Pianisten, mit Sebestyén Nyírö, bekannt, der im Jahre 1979 geboren wurde. Das mag wohl der umfassendste und längste der je gemachten Darstellungen der Goldberg-Variationen sein. Nyírö bevorzugt/favorisiert alle Wiederholungen vorzunehmen (sogar diejenige Repetitionen in der Aria Da Capo, auf welche selbst der beinahe fanatisch echtheitsliebende Claudio Arrau zu verzichten bereit war, bei einer hinterlassenen Aufnahme aus den 1940er Jahren auf zwei CDs.)
Rosalyn Tureck, eine andere berühmte (oder berüchtigte) Befürworterin von Wiederholungen und langsamer Tempi, lief hinüber auf 2 CD in the Great Pianists of the 20th Century Neuauflage von Philips. Simone Dinnerstein, ein anderer Champion der langsamen Tempi, spielte bei ihrer Konzertvorstellung in der Weill Recital Hall alle Wiederholungen vor, jedoch, sie hatte ungern die Unterlassung einiger weniger von ihnen dulden müssen, um ihre kommerzielle Aufnahme auf eine Single-CD zu beschränken (eine Liebhaber-Arbeit, die von Telarc unternommen wurde).
Nyírös Wiedergabe geht über 85 Minuten und 14 Sekunden lang: CD Nr. 1 mit der Arie und die Variationen 1-15 dauert 40 Minuten und 12 Sekunden. CD Nr. 2, die mit der Französischen Ouvertüre Variation 16 beginnt und mit der Aria Da Capo endet, geht 42 Minuten und 14 Sekunden lang bis zum Abschluss des Werkes.
Ganz abgesehen von Wiederholungen und Überlegungen: Nyírös Ideen durch Ausschmückung sind hochgradig und auf den ersten Blick klar ersichtlich. Seine Darstellung der Arie ist auf dermaßen verschwenderische Weise verschönert, dass dieser Zuhörer für wenige Sekunden in Verlegenheit gesetzt wurde indem er die grundsätzliche Melodie im Labyrinth der Überkrustungen nicht erkennen konnte. Ein ausgezeichneter Pianist, Wilhelm Kempff, hat mal eine Aufnahme der Goldberg-Variationen für D[eutsche] G[ramophon] gemacht und hat unkonventionell dafür optiert, das tema bis zu seinem Knochen-Skelett zu entblößen (indem er selbst die minimalen Ausschmückungen, die Bachs Original in seiner eigenen Abschreibung beinhaltete, verbannte). Nyírö ist, könnte man sagen, der Anti-Kempff!
Während sich die Wiedererschaffung entfaltet, macht uns Nyírö mehrerer hervorragenden Qualitäten bewusst: erstens seiner extremen Exaktheit und Klarheit bei einer polyphonisch-kontrapunktischen Textur. In diesem Sinne übertrifft seine Interpretation sogar Glenn Goulds zweite Aufnahme aus dem Jahre 1981 (die erste hätte nicht unterschiedlicher sein können, mit seinen bemerkenswert schnellen Tempi und durch die Auslassung vieler, wenn nicht aller, Wiederholungen). Außerdem, ähnlich der wohlbekannten Tradition die vom Dirigenten Otto Klemperer vorgezogen wurde (indem einige Variationen miteinander durch einen einzigen mathematischen, metrischen Schlag verbunden wurden), Variation Nr. 18 - um nur ein Beispiel zu geben - ist eingestandenermaßen flinker als gewöhnlich, aber dafür die nächste Variation folgt in dem selben, halbschnellen Tempo. Die vorgenannte Striktheit ist durch scharf akzentuierten Rhythmen (sogar martellato) ausgedrückt. Nyírö ist auf bemerkenswerte Weise überzeugend dabei, wie er die einführende erste Hälfte der Französischen Ouvertüre-Variation Nr. 16 behandelt, und trotzdem, ich war zugegebenermaßen verblüfft davon, wie er äußerst wohlüberlegt die nachfolgende zweite Hälfte (die, wie ich es empfinde, zu statisch ist, obschon vital und rhythmisch ruhig) handhabte.
Als ich einmal Glenn Goulds Stil (nicht nur bei Bach-Stücken) beschrieb, schrieb ich über seine ”Sinnlichkeit, die einen in Verzücken geraten lässt, verbunden mit ekklesiastischer Striktheit.” Einiges dieser Beschreibung könnte ebenso auf Nyírös Goldberg zutreffen, die Striktheit ist jedoch klarer als die Sinnlichkeit (obwohl ich manche der verschwenderischen Rubatos des Pianisten ”verzückend” finde, doch nie ”sinnlich”). Ich muss zugeben, ich muss diese Aufnahme ein paar Mal wieder hören, um mich an einige bilderstürmende Details zu gewöhnen. Doch im Moment ließen mich nur drei oder vier Variationen an ihnen Anstoß nehmen: Variation 25, die Landowska poetisch als die ”Schwarze Perle” betitelt hatte, scheint mir eher mit einer ”Schwarzen Maria” verwandt zu sein: eher ermüdend zerstückelt und an eine Begräbnis erinnernd und mangelt an dem erforderlichen Fluss und lyrischer Charakter. Variation 28 mit ihren ausgeschriebenen Trillern (die manchmal einen Vorgeschmack des Finales von Beethovens Waldstein-Sonate anbieten mag) ist entschieden bemastet. Variation 29 fand ich aggressiv platschig (sogar stürmisch), und Nr. 30 konnte aus einem Anflug der erforderlichen Leichtfertigkeit und des Humors Nutzen ziehen.
Jedoch, letztendlich ist man gezwungen, den Versuch zu machen, Herrn Nyírö in seiner eigenen Ausdrucksweise zu begegnen, indem man mancher wortwörtlich wunderbaren Pianistenfertigkeit Achtung entgegenbringt und sich vor seinem tief motivierten, ehrlichen Erlebnis und seinem musikalischen Denken verbeugt.
Ich bitte jeden eindringlich, Nyírös oberste Talent anzuerkennen und dem gegenüber, was zunächst als unangenehme Exzentrizität erscheint, tolerant zu sein.
Der aufgenommene Ton ist, nebenbei vermerkt, lebhaft realistisch.
— Harris Goldsmith for New York Concert Review; New York, NY
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